Japan 2009 (8) – Tokyo 3
Es wird Zeit einige der Sehenswürdigkeiten von Tokyo anzusteuern. Das Wetter spielt mit und bei blauem Himmel und Sonnenschein suche ich mir zuerst den Punkt aus, der aus dem Fenster der Hotel-Lobby am einladendsten aussieht – der Tokyo Tower. Die Architektur erinnert an den Pariser Eiffelturm und auch größentechnisch spielen die beiden in einer Liga (Tokyo Tower ist ein paar Meter höher). Mit 4000 Tonnen Gewicht ist er allerdings fast halb so schwer wie sein französisches Pendant. Auf den zwei Aussichtsplatformen in 150m und 250m Höhe (für die obere zahlt man natürlich entsprechend mehr) hat man eine gute Sicht über die Stadt. Gegenwärtig befindet sich unter dem Namen Tōkyō Sky Tree ein neuer Fernsehturm im Bau. Bis zum Jahr 2012 soll er im Tokioter Stadtbezirk Sumida mit 634 Metern Höhe entstehen und dann einer der höchsten Türme der Welt sein.
Direkt neben dem Tower kann man eine alte Tempelanlage mit integriertem Friedhof besuchen. Tiefen Eindruck bei mir hinterlassen die zahlreichen Kindergräber, die deutlich erkennbar sind an den kleinen Kinderstatuen, geschmückt mit roten Jäckchen und Mützchen sowie einem kleinen Windrad. Ich glaube die Mütter, denen ein Kind jungen Alters gestorben ist, stricken jedes Jahr mindestens einmal diese roten Miniatur-Anziehsachen damit die Kinder in der nächsten Welt nicht frieren. Das Windrad ist dafür da, damit sie sich nicht langweilen und etwas zum Spielen haben. Irgendwie strange aber doch faszinierend, in einem Land mit einer überdurchschnittlich hohen Abtreibungsquote.
In direkter Fußreichweite vom Hotel entfernt befindet sich ein schöner Park (Hamarikyu Gardens) der an die Bucht grenzt. Den Eintritt zahlt man gerne, befindet man sich doch sofort in einer völlig anderen Welt. Solche Rückzugsgebiete braucht der großstadtgeplagte Japaner, gerne wird hier auch öffentlich meditiert. Die Synthese aus arkribisch gepflegten Parkanlagen umzingelt von Hochhaus-Giganten aus Stahl, Beton und Glas ist faszinierend. Hier kann ich entspannen, laufe fast einen halben Tag sinnlos umher, fotografiere, genieße die Sonne und die Menschen, die sich über die ersten blühenden Bäume freuen.
Das große Spektakel der Kirschblüte (wohl das wichtigste Ereignis des japanischen Jahres) verpasse ich aufgrund meiner Reisezeit nur knapp. Vielleicht auch besser so, denn sonst wären die Parks gnadenlos überfüllt. Ich finde heraus, dass zur Kirschblüte (sakura) alle Japaner ein Hanami feiern (heißt soviel wie Blüten betrachten). Firmen haben hier ihre ganz eigene Tradition entwickelt: Der jenige der als letztes in der Firma / Abteilung angefangen hat (der Newbie / dat Greenhorn) muss noch bevor die Kirschen blühen einen schönen Kirschbaum reservieren, damit die Kollegen dann einen guten Platz für das Feiern haben. Dafür wird sich ein schöner Baum ausgesucht (je toller, desto besser für den neuen Kollegen, desto länger aber auch die Wartezeit zur Reservierung) und eine blaue Plane unter dem Baum ausgebreitet, auf der später die Kollegen Platz nehmen können. Für den jenigen der reserviert ist das natürlich keine tolle Angelegenheit, muss er doch Tag und Nacht den Platz bewachen, und das über mehrere Tage. Kann er letztendlich den schönsten Baum präsentieren, hat er sich einen gewissen Respekt erarbeitet und die Party kann steigen. Natürlich gibt es dann Picknick mit allem, was das Herz begehrt und es wird getrunken bis zum Umfallen
Ab und an verirre ich mich in ein Starbucks unweit vom Hotel. Anfangs dachte ich, hier finde ich noch die Menschen, die am offensten sind mal einen Plausch mit einer Langnase zu halten. Doch meine Beobachtungen zeigen, dass hier die Ausländerquote am höchsten ist. Jeder dicke Ami der vorbei läuft, muss unbedingt herein um einen Extra Large Frappuchino mit Cream und 3 Brownies/Muffins in sich hinein zu stopfen – als gäbe es das nicht zu Hause drei mal die Woche. Ok, Anfang 2009 kann ich zumindestens noch guten Gewissens behaupten, es gibt in Dresden kein Starbucks. Mit der Eröffnung der Centrum Galerie in DD ist dieses Argument dann auch unwirksam. Alles egal, ich nutze trotzdem das Kaffee-Häuschen um meine Ansichtskarten nach Daheim zu schreiben, und gleichzeitig noch eine Strophe für das Gwand-anham-Aera Lied von Willy Astor zu dichten, dessen Konzert wir einen Tag nach meiner Ankunft in Deutschland mit großen Teilen der Fußballmannschaft besuchen.
Eine weitere Location aus Lost in Translation will ich unbedingt noch besuchen: die weltberühmte Fußgängerkreuzung in Shibuya. Diese wird zu abendlichen Spitzenzeiten von bis zu 15.000 Menschen überquert – PRO AMPELPHASE wohlgemerkt. Wann immer man im Fernsehen eine Reportage über Japan oder Tokyo sieht, und ein Synonym für die Enge und Geschäftigkeit gefunden werden soll, dann sieht man Aufnahmen dieser Kreuzung. Das ist ungefähr so, wie mit der Verwendung des Amelie-Soundtracks bei jeglicher Fernsehdoku die auch nur im entferntesten etwas mit Frankreich zu tun hat (Sehr einfallsreich RTL!). Ich gehe (schon wieder) ins Starbucks – aber diesmal nur, um von oben den besten Blick auf die Kreuzung zu haben und etwas zu fotografieren und zu filmen. Ich hatte gerade meine Dokumentation angefangen, da werde ich darauf hingewiesen, dass das Fotografieren hier nicht gestattet sei. Warum eigentlich? Ich stelle mich dumm – bin ja eine ignorante Langnase – und mache noch schnell ein Video von einer Ampelphase
Wie die Ameisen!
Im Zug zurück finde ich ein Manga-Heftchen. Der Besitzer hatte es wohl fertig gelesen und dann einfach liegen lassen. Etwas größer als ein lustiges Taschenbuch, und vielleicht doppelt so dick, enthält es mehrere unterschiedliche Geschichten. Ich verstehe natürlich nur Bahnhof – aber die Bilder sehen echt cool aus, und jedes zweite Mädchen hat riesige Augen, einen Kurzen Rock, eine 75 DoppelD Oberweite – oder ist kaum bekleidet. Mangas sind in Japan so beliebt – im Durchschnitt braucht der Japaner drei mal mehr Papier für Mangas im Jahr als für Klopapier.
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