Japan 2009 (10) – Tokyo 5
Eine der wichtigsten Lebensadern Tokyos ist die U-Bahn (Metro). Unglaubliche 2,9 Milliarden Fahrgäste nutzen jährlich das weltweit am meisten frequentierte U-Bahn-Netz. Jeder hat irgendwann schon einmal im TV gesehen, wie freundliche Untergrundmitarbeiter mit weißen Handschuhen die Passagiere während der Rushhour in die Züge quetschen. Das gibt es zwar, ist aber eher die Ausnahme. Was hingegen als erstes auffällt, ist die angenehme Ruhe während der Fahrt. Mobiltelefone funktionieren zwar unter der Erde (wenigstens in Bahnhof-Nähe), es ist allerdings verpönt zu telefonieren. Maximal eine SMS schreiben oder E-Mails checken via Mobiltelefon (natürlich auf lautlos gestellt) werden toleriert. Auch für lautes Unterhalten oder gar Musik hören erntet man böse Blicke. Dafür haben es die Japaner drauf während der Fahrt nach Hause komatös zu schlafen und dann pünktlich an ihrer Station aufzuwachen. Sieht man von dem Gas-Anschlag 1995 durch die Ōmu-Shinrikyō-Sekte ab, ist die U-Bahn Tokyos ein sehr sicheres Verkehrsmittel mit niedriger Kriminalitätsrate. Trotzdem sind die Behörden wachsam, und man bekommt ein mulmiges Gefühl, wenn in allen Bildschirmen der Bahn zu lesen ist: “Security Notice, JR East Group and the Police Department together are now on a high alert. If you find something suspicious at a station or on a train, please inform station staff, conductors or security guards as soon as possible”.
Kommen wir zu den lustigen Sachen. Neben Glücksspiel und Mangas lesen ist wohl Karaoke das liebste Hobby der Japaner. Ich wage sogar zu behaupten, dass ein Großteil der japanischen Bevölkerung sich da einig ist (im Gegensatz zu den typischen deutschen Stereotypen: Weißwurscht, Sauerkraut und Blau-Weiß karierte Blaskapellen). Natürlich hat diese Erfindung auch ihren Ursprung in Japan und das Wort Karaoke bedeutet so viel wie leeres (kara) Orchester (Oke). Die meisten Japaner die ich in den Bars zu hören bekomme singen erstaunlich gut. Ok, es ist schwer anhand des Textes zu urteilen, aber rein stimmlich käme der Großteil sicher bei DSDS ins Recall. Wir finden sogar deutsche Lieder in den meist mit über 100.000 Songs bestückten Karaoke-Maschinen. 99 Luftballons zum Beispiel bleibt weltweit unvergessen. Ich entscheide mich für REM – Losing my religion. Mein Standard-Song wenn es um Karaoke geht, und wie ich finde, von Bier zu Bier besser performbar ist. Im späteren Verlauf des Abends singe ich noch Smells Like Teen Spirit mit einen Bayrischen Kollegen, den wir zur Messe kennen gelernt haben. Sicher ein Ohrenschmaus für alle die noch nicht so viel getrunken hatten
Karaoke-Bars findet man an jeder Ecke in Tokyo – am offensichtlichsten ist die landesweite Kette “Big Echo”.
Am besten man entdeckt Japan auf eigene Faust. Lässt man sich von Lärm und bunten Lichtern anlocken, landet man unweigerlich in einer Spielothek. Doch das ist nicht wie in Deutschland ein verrauchter Versammlungsort spielsüchtiger Alkoholiker sondern ein völlig legitimer Zeitvertreib für jung und alt. So findet man zum Feierabend hin auffällig viele Schlipsträger und Geschäftsleute an den schrillen Automaten, vorher eher die jugendliche Fraktion. Ein Bevölkerungsquerschnitt aber in jedem Fall, Junge, Mädchen, jung und sehr alt. Da sitzt der Rentner neben dem Mädel in Schuluniform und beide konzentrieren sich nur auf ihr Spiel. Hier möchte ich gerne erneut die Warnung aussprechen: Wer zu epileptischen Anfällen neigt, sollte sich von diesen Läden möglichst fern halten. Mitunter haben die Spielotheken sogar acht und mehr Stockwerke, jedes für einen bestimmten Typ Spiel. Von Automaten über Karatespiele bis hin zu Simulationen wie Fußballmanager.
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